Erfahrungsberichte: Mein Auslandspraktikum in Shenyang

Ich arbeite für die Marketing-Abteilung eines bekannten Automobilkonzerns in Deutschland. Meine Berufstätigkeit gefällt mir ausgesprochen gut. Meine ersten Berufserfahrungen sammelte ich als Praktikantin in diesem Konzern und war von meinem ersten Praktikumssemester total begeistert. Als mein Vorgesetzter mich fragte, ob ich Lust hatte, ein weiteres Semester für eine andere Marketing-Abteilung in einer ausländischen Niederlassung zu arbeiten, sagte ich nach kurzer Überlegung zu.

Mir war klar, dass sich ein Auslandsaufenthalt sehr positiv auf meinen Lebenslauf auswirken würde. Schließlich verbessert man auf diese Weise die Kenntnisse in einer Fremdsprache und kann unter Beweis stellen, dass man auch in anderen Kulturräumen mit Menschen umgehen kann. Außerdem spricht eine Tätigkeit im Ausland für die Flexibilität eines Mitarbeiters. Weil ich mir große Hoffnungen auf eine Festanstellung im Konzern nach dem Ende meines Studiums machte, nahm ich das Angebot an.

Neben mir gab es damals noch drei weitere Praktikanten, die ein halbes Jahr im Ausland eingesetzt wurden. Die Personalabteilung war für die Einteilung der jeweiligen Einsatzorte zuständig. Ich wurde nach Shenyang geschickt, eine Kleinstadt im Nordosten Chinas. Um ehrlich zu sein hatte ich mir einen Praktikumsplatz in den USA gewünscht, weil die Staaten schon immer das Land meiner Träume waren und ich die Gelegenheit nutzen wollte, um in meiner Freizeit eine Vielzahl an interessanten Sehenswürdigkeiten zu besichtigen. Meine Enttäuschung hielt sich jedoch in Grenzen. Schließlich bekommen bei weitem nicht alle Studenten die Gelegenheit für ein Praktikum im Ausland.

Die Vorbereitung vor dem Auslandssemester nahm einiges an Zeit in Anspruch. Ich belegte einen Kurs in Chinesisch an der Volkshochschule, den ich nicht allzu anspruchsvoll fand. Aus diesem Grund engagierte ich eine chinesische Nachbarin als Nachhilfelehrerin. Obwohl ich wusste, dass die meisten meiner Kollegen in Shenyang Europäer sein und zumindest die englische Sprache beherrschen würden, war es mir wichtig, in China auch in der Landessprache kommunizieren zu können. Außerdem beschäftigte ich mich intensiv mit der chinesischen Mentalität, um mich den einheimischen Sitten und Bräuchen wenigstens einigermaßen anpassen zu können.

Genau zwei Tage vor Beginn meines Praktikums kam ich in Shenyang an. Diese Zeit nutzte ich für eine ausgiebige Besichtigung der Stadt. Dabei erwies sich meine Entscheidung für den Nachhilfeunterricht als goldrichtig. Ich merkte ziemlich schnell, dass nur sehr wenige Leute in Shenyang die englische Sprache beherrschten. Meine großen Highlights auf der Sightseeing-Tour waren der kaiserliche Palast, diverse Kaisergräber und die vier Pagoden. Ebenfalls sehr interessant fand ich den Vogelinsel-Park, der sich östlich von Shenyang befand. In diesem Park gefiel mir insbesondere die Internationale Gartenausstellung (IGA) mit ihren traditionellen Arten des chinesischen Gartenbaus besonders gut.

An meinem ersten Arbeitstag erfuhr ich, dass ich einen deutschsprachigen Betreuer zur Seite gestellt bekommen würde. Der Mann war Mitte 30 und stammte aus Österreich. Wir waren uns auf Anhieb sympathisch. Er versorgte mich mit wichtigen Informationen über die Niederlassung in Shenyang und erklärte mir, worauf ich im Umgang mit Einheimischen achten musste. Mir wurde schnell klar, dass das Praktikum in China kein Zuckerschlecken sein würde. Die Menschen arbeiteten dort in den Abendstunden wesentlich länger, als ich es aus Deutschland gewohnt war. Außerdem legten sie nicht nur großen Wert auf Qualität, sondern auch auf schnelle Reaktionen, was v. a. für die Beantwortung von E-Mails galt. Ich musste mich u. a. auch damit arrangieren, häufig an Samstagen eingesetzt zu werden.

Nach dem ersten Schock gewöhnte ich mich jedoch recht schnell an die Arbeitsbedingungen in Shenyang. Meine Tätigkeit war sehr abwechslungsreich, interessant und bereitete mir viel Freude. Dieser lehrreichen Zeit habe ich meine außergewöhnlich guten PowerPoint-Kenntnisse zu verdanken. Die Erstellung von Präsentationen gehörte zu meinen wichtigsten Aufgaben während des Praktikums. Die Aufträge wurden mir oftmals sehr kurzfristig zugeteilt, und ich musste innerhalb weniger Stunden eine aufwändige Präsentation für einen wichtigen Termin vorbereiten. Im Gegensatz zu meinem ersten Praktikum in der Heimat nahm ich in China regelmäßig an Meetings und Konferenzen teil. Auf diese Weise lernte ich eine Menge über das Unternehmen und war im Anschluss sehr gut über die meisten Prozesse informiert.

Die Sonderveranstaltungen brachten zwar viel Hektik mit sich, waren auf der anderen Seite jedoch sehr interessant und sorgten für eine abwechslungsreiche Gestaltung meines Alltags. Während der Produktwoche saß ich nicht wie üblich stundenlang im Büro, sondern verbrachte die meiste Zeit mit den Kollegen draußen am Stand und machte Werbung für unsere Produkte. Diese Veranstaltung fand im Juni statt, und ich konnte die Stunden in der warmen Sonne trotz Arbeit richtig genießen.

Ebenfalls lobenswert fand ich den Unterricht in Chinesisch und Wirtschaftsenglisch, den sämtliche ausländischen Mitarbeiter jeweils einmal pro Woche besuchen konnten. Wir mussten zwar ausstempeln und konnten uns diese 2x 90 Minuten nicht auf das Arbeitszeitkonto anrechnen lassen, aber das machte mir überhaupt nichts aus. Immerhin mussten wir für den Unterricht keinen Cent aus eigener Tasche bezahlen und hatten sehr fachkompetente Lehrkräfte.

Die Mittagspausen gestalteten sich recht unterschiedlich. Manchmal hatte ich wenig Zeit und ging nur kurz mit Kollegen zum Imbiss um die Ecke. An anderen Tagen saßen wir etwas länger gemeinsam im Restaurant und lernten uns bei der Gelegenheit auch näher kennen. Auf die chinesische Küche hatte ich mich bereits vor meiner Abreise sehr gefreut, aber ein chinesisches Gericht vor Ort ist doch etwas anderes als man es aus den chinesischen Restaurants hierzulande kennt. Ich habe mich diesbezüglich immer wieder mit zwei Kolleginnen ausgetauscht und mir zahlreiche leckere Rezepte notiert, die ich seit meiner Rückkehr nach Deutschland schon öfters selbst gekocht habe.

Während des Praktikums habe ich allgemein sehr viel Zeit mit irgendwelchen Arbeitskollegen verbracht. Hier in Deutschland sieht es anders aus. Natürlich gibt es auch hier diverse Firmenfeiern, aber die Freizeit verbringen die meisten Leute mit ihren eigenen Freundeskreisen. Die internationale Belegschaft hat mir in Shenyang sehr imponiert, weil ich auf diese Weise mit vielen unterschiedlichen Kulturen in Berührung gekommen bin und eine ganze Menge in Bezug auf andere Länder gelernt habe.

Aufgrund einer kurzfristig verlängerten Dauer meines Praktikums, die eine Folge der guten Auftragslage im Unternehmen war, blieb mir am Ende nicht mehr viel Zeit für eine Reise in andere Teile des Landes. Ich ließ es mir jedoch nicht nehmen, einige Tage in Peking zu verbringen. Es war mir eine große Freude, entlang der Chinesischen Mauer zu laufen sowie die schönsten Plätze, Tempel und den prächtigen Kaiserpalast zu besichtigen. Falls ich eines Tages auf Dienstreise nach Peking geschickt werden sollte, werde ich so einiges nachholen, was ich damals verpasst hatte. Das Praktikum war eine der lehrreichsten Erfahrungen meines Lebens, die ich zu keiner Sekunde bereut habe.