Auslandspraktikum in London

Mein Auslandspraktikum in London

Ein Praktikum in London reizt viele Studierende, denn London bietet zahlreiche unterschiedliche Studien-, Praktikums- und Jobmöglichkeiten. Ich selbst habe vor meinem Studium der Politikwissenschaft, Publizistik und Anglistik zwei Jahre lang am Londoner City of Westminster College studiert und gearbeitet. Später studierte ich, finanziert durch ein Stipendium des Deutschen Akademischen Austauschdienstes (DAAD), zwei Trimester am Coventry Polytechnic (Midlands). Als wissenschaftliche Hilfskraft katalogisierte ich dort Daten, außerdem assistierte ich einer Professorin. Mittlerweile lebe ich in Deutschland. Großbritannien ist inzwischen zugegebenermaßen nur noch Reiseland für mich. Ich arbeite als Ratgeber-Journalistin und Heilpraktikerin. Gelegentlich übersetze und dolmetsche ich aber weiterhin aus dem Deutschen ins Englische und vice versa.

Meine Londonzeit hat mich persönlich und beruflich über viele Jahre geprägt. Englisch ist für mich zu einer Zweitsprache geworden, die ich nicht mehr missen möchte. Beim Erschließen wissenschaftlicher Texte, besonders aus dem Amerikanischen, ist mir mein immer noch fast fließendes Englisch eine große Hilfe. Mein Londonaufenthalt mitsamt Studium und Jobs hat mich aber noch zu weitaus mehr befähigt. Als knapp Zwanzigjährige musste ich mich erstmals selbstständig in einem fremden Land orientieren. Ich lernte, Kontakte zu knüpfen, neue Gepflogenheiten zu akzeptieren und mich im fremden Universitätssystem zurecht zu finden. Ich arbeitete im Team und fing an zu unterrichten. Von Anfang an war ich auf mich alleine gestellt und wurde so Weltmeisterin im Improvisieren. Dabei habe ich mich ein ganzes Stück weit selbst reflektiert und besser kennengelernt!Zu Beginn meines Londonaufenthaltes wählte ich den sanften Einstieg und ging als Au Pair in eine Familie. So hatte ich meine erste Unterkunft und mein Taschengeld. Ich weiß noch, wie Mrs. D., Journalistin und Mutter zweiter Kinder, mich am ersten Tag mit meinem Koffer vom Paddington Bahnhof abholte. Am City of Westminster College schrieb ich mich dann als Sprachstudentin ins Undergraduate-Programm ein. Die Familie bezahlte das College. Ich absolvierte den Sprachkurs mit Abschluss zum Cambridge Certificate of Proficiency in English (CPE). Morgens und abends jobbte ich im Haushalt und betreute die Kinder „meiner“ Familie.

Nach einigen Monaten wurde mir die Au-Pair-Tätigkeit plus Sprachstudium allerdings zur Bürde. Ich hatte mich in London orientiert und suchte die Selbstständigkeit. Parallel zum Englischstudium absolvierte ich dazu an zwei Abenden in der Wochen einen Teachers’ Training Course. Nach dem Sprachexamen bewarb ich mich dann auf eine Teilzeit-Stelle als Tutorin. Ich unterrichtete an sechs bis zwölf Wochenstunden ausländische Studierende in Deutsch und Englisch. Aus meinem Salär finanzierte ich mir ein Studentenwohnheim-Zimmer. Meine Schülerinnen und Schüler waren Studienanfänger aller Fachrichtungen. Die meisten kamen aus dem asiatischen und arabischsprachigen Raum. Andere waren Spanier, Griechen, Franzosen und Russen. Der Unterricht fand in Kleingruppen statt und war stets sehr amüsant. Alle waren hoch motiviert, die Sprache zu lernen, beziehungsweise zu perfektionieren. Die aus den Heimatländern mitgebrachten Englischstandards der Teilnehmer waren, wie ich mich entsinne, sehr unterschiedlich. Meine Unterrichtsthemen lagen vor der Tür: die Stadt London, der British Way of Life, das Leben der Einwanderer. Besonders sichtbar sind in London die indisch-pakistanische Community und die karibische Community. Ich verließ das College ungern, als ich den Zulassungsbescheid zum Studium in Berlin erhielt. Zwischenzeitlich war ich Mitglied einer Charity (Wohlfahrtsorganisation) geworden, betrieb Lobby-Arbeit für Migranten und war mit einem Briten liiert.

Nach meiner Zwischenprüfung an der Freien Universität Berlin lockte mich England erneut. Ich bewarb mich auf ein Stipendium des DAAD und studierte zwei Trimester am Coventry Polytechnic. Hier interessierte mich der interdisziplinäre Studiengang Gender Studies an der Fakultät für Art and Communication. Zunächst konzentrierte ich mich aufs Studium. Später arbeitete ich 10 Stunden wöchentlich als wissenschaftliche Hilfskraft. Gemeinsam mit zwei anderen Studierenden bewohnte ich ein kleines Reihenhaus. Vermittelt wurde dieses vom DAAD. In Coventry lernte ich Analysemethoden wie die Ikonografie kennen, lange bevor diese in Deutschland bekannt wurden. Die britischen Hochschulen sind uns bis heute interdisziplinär um einiges voraus.

Ein Auslandssemester, ein Praktikum oder die Mitarbeit an einer britischen Hochschule erweitert aus meiner Sicht absolut den eigenen Horizont. Selbst wenn nicht alle erworbenen Praktika und Scheine auf das Studium in Deutschland anrechenbar sind, schärft die Auslandserfahrung doch den Blick auf die eigene Laufbahn. Man/frau qualifiziert sich sehr breit, knüpft neue Kontakte und hinterfragt die eigenen Studien- und Karriereziele. So beschloss ich während meiner Londonzeit, Erwachsene zu unterrichten und keine Kinder. Ich wandte mich den Cultural Studies zu und fing an zu schreiben. Mein Ehrenamt bei der Wohlfahrtsvereinigung erwies sich als berufliches Sprungbrett in die politische Vereinsarbeit. Dieser wiederum verdanke ich meine Karriere als Public Relations-Beraterin.

Wer einen Aufenthalt in London plant, sei es als Sprachreise, Stipendium, Praktikum oder Auslandssemester, sollte sich ein Ziel und einen festen Zeitrahmen setzen. Dient der Aufenthalt dem Sprachstudium, ist er Vorpraktikum, Pflichtsemester oder Weiterbildungsstudium? Die Finanzierung muss gesichert sein. Dies kann im Rahmen des EU-Erasmus-Programms oder über den DAAD geschehen. Auch wer nicht BAföG-berechtigt ist, kann alternativ dazu Auslands-BAföG beantragen. Gefördert werden beispielsweise Studienaufenthalte ab sechs Semestern Dauer oder Pflichtpraktika. Bei einem freien Praktikum kann die Firma Pate sein und die Praktikanten versichern. Alle Praktikanten und Studenten sollten sich beim National Health-Service (NHS) anmelden. Dort erhalten sie eine Gesundheitskarte und haben dann Anspruch auf kostenlose medizinische Grundversorgung. Ratsam ist außerdem eine private Zusatzkrankenversicherung. Praktika und Jobs sollte man im Voraus planen oder über Beziehungen an der Uni. Der allgemeine Job-Markt in London ist heiß umkämpft und eher schlecht bezahlt. Wer sich auf eine qualifizierte Stelle bewirbt, kann dagegen durchaus eine Chance haben, gut bezahlt zu werden, etwa in einem internationalen Unternehmen seiner Sparte. Studierende, die sich aufs Lernen konzentrieren möchten, können auch einen Bildungskredit beantragen.

Wer ein bezahltes Praktikum absolviert oder jobbt, nimmt ein Schreiben seiner Hochschule und seines Arbeitgebers mit und beantragt beim Social Security Office eine Sozialversicherungsnummer. Danach werden je nach Versichertenstatus Teile des Einkommens für die Kranken-, Arbeitslosen- und Rentenversicherung abgezogen. Nach dreimonatigem Aufenthalt in Großbritannien ist beim Innenministerium außerdem eine EU-Residence Card zu beantragen. Die Alternative zur Arbeit oder zum Praktikum in Großbritannien sind Freiwilligendienste. Sie eignen sich für Studierende im sozialen, pädagogischen und therapeutischen Bereich. Auch das freiwillige soziale Jahr im Ausland wird eventuell als Praktikum anerkannt. Um die Organisation, Finanzierung und Versicherungen kümmert sich in diesem Fall der Träger der Maßnahme.