Wie ich durch ein Los nach Montreal kam…

Nach meinem Abitur habe ich lange darüber nachgedacht, was ich mit meinem Leben anfangen möchte. Ich entschied mich für BWL, also nichts Besonderes. Darin sah ich den Vorteil, mich nicht sofort festlegen zu müssen. Nach drei Semestern stellte ich fest, dass mir etwas fehlte. Trockener Stoff, immer dieselben Menschen um mich, verstaubte Uni-Atmosphäre. All das brachte mich an manchen Tagen dazu, dass ich mein Bett dem Hörsaal vorzog und darüber nachdachte, ob dieses Studium wirklich das Richtige war. Irgendwie erfüllte es mich nur zu Bruchteilen. Natürlich wusste ich, dass es “gut” war, man muss die Kasse ja füllen aber dennoch war ich nicht komplett und strebte nach etwas Größerem. Eines Tages, ich überflog wie jeden Tag sinnlos irgendwelche Facebookprofile, entdeckte ich eine kleine Anzeige. “Auslandspraktikum” stand in großen Buchstaben unter dem Bild, auf dem ein junges Mädchen, vor einer riesigen Skyline stehend, lächelte. Ausland, darüber hatte ich mir bis dato noch nie Gedanken gemacht. Ich allein irgendwo in einem Land, dessen Sprache ich nicht, oder nur teilweise spreche, das kam mir seltsam vor, wenngleich ich eine gewisse Neugier verspürte. Nachts im Bett malte ich mir aus wie es wohl sein würde woanders auf der Welt aufzuwachen und ein anderes, spannnenderes Leben zu leben. Andere Partys zu feiern, anderes Essen zu essen, andere Mädchen kennenzulernen. Eben etwas ganz anderes, etwas Neues! Der Gedanke hatte sich in mir manifestiert. Tagelang überlegte ich hin und her, ob ich diesen Schritt, im Ausland meine Fußspuren zu hinterlassen, ernsthaft wagen sollte. Und wenn, wohin wollte ich eigentlich? Bei einem abendlichen Bier unter Freunden kam einer meiner Kumpels auf die Idee, das Los entscheiden zu lassen und schrieb zehn Städtenamen auf. Ich ließ mich auf diese spontane Idee ein, schließlich muss man alles mal gesehen haben, dachte ich mir. Auch wenn ich es zu dem Zeitpunkt noch nicht wusste oder es mir richtig klar war, meine Zukunft stand auf einem kleinen zerrissenen Zettel in der krakeligen Schrift meines Kumpels, der nicht ernsthaft dachte, dass ich das wirklich durchziehen könnte. Auf dem Zettel, den ich zog, stand in großen Buchstaben “MONTREAL”. Mein geografisches Gedächtnis war zum Glück noch so gut, dass ich wusste, dass Montreal zu Kanada gehört und dass man dort Französisch spricht. Irgendwie war ich ein bisschen froh über diese “Wahl”, obwohl sie eher Zufall war. Französisch hatte mir schon immer besser gefallen als Englisch. Das lag vermutlich an dem Akzent und an dem Allerweltsstatus, den Englisch hat. Um in Montreal ein Praktikum zu machen, muss man gewisse Bedingungen erfüllen und ein Visum beantragen. Zunächst einmal, bevor man ein Visum beantragt, sollte man wissen, was man machen möchte. Es ist von Vorteil, wenn man sich bereits bei einer Firma beworben und eine Zusage erhalten hat, denn der Arbeitgeber greift einem dann in Sachen Visum ein bisschen unter die Arme und erklärt einem, was man genau braucht. Einmal gibt es das “Working Holiday”-Visum – Das ist das flexibelste. Damit kannst du dich für ein Jahr in Kanada aufhalten, ohne dich auf einen bestimmten Arbeitgeber festzulegen, an den du dann die ganze Zeit gebunden bist, vergleichbar also mit “Work and Travel”. Dann gibt es noch das so genannte “Internship”, für das ich mich entschied. Um dieses Visum zu erhalten, musst du zunächste erst mal zwischen 18 und 35 Jahre alt sein. Dein Praktikum muss bei einem bestimmten Arbeitgeber erfolgen, was bedeutet, dass du dich während deines Aufenthaltes nicht umentscheiden kannst. Du musst vorher schon eine Zusage haben, damit du es beantragen kannst. Auch das gilt 12 Monate. Als ich damals beschloss, ein Praktikum in Montreal zu machen, hätte ich nicht erwartet, in kürzester Zeit einen geeigneten Arbeitgeber zu finden. Das mag nicht bei jedem so sein aber ich versendete insgesamt sieben Bewerbungen und eine davon war direkt ein Volltreffer. Ich bewarb mich unter anderem bei einem Marktforschungsinstitut, denn von allen Inhalten, die ich bisher in meinem Studium so behandelte, interessierte mich das am meisten. Ich führte nur ein Telefongespräch und das verlief sehr gut. Nach einigen Tagen Wartezeit war mein Arbeitsvertrag da und das war ein freudiges wie auch seltsames Gefühl. Auch das Visum war kein Problem, was ich zum großen Teil meinen Eltern verdanke, weil sie mir bei der Finanzierung unter die Arme griffen. Praktika im Ausland sind, um es kurz zu machen, in der Regel nicht bezahlt, das sollte einem klar sein aber es spricht ja nichts dagegen, das Geld zurückzuzahlen, wenn man einen richtigen Job hat. Nachdem die ganzen Formalitäten erledigt waren, hing ich mein Flugticket über mein Bett und zählte die Tage bis es endlich losging. In meinen Koffer packte ich nur das Nötigste, denn Montreal ist nicht Afrika. Es ist sehr europäisch und man bekommt dort alles, was man braucht. Nach fast acht Stunden Flug kam ich erwartungsvoll und aufgeregt in Montreal an. Ein Mitarbeiter der Firma, bei der ich mein Praktikum machen wollte, holte mich vom Flughafen ab. Er war so etwas wie ein “Buddy” in den ersten Tagen, sollte mir alles zeigen. Erstaunlich war wie gut mein Schulfranzösisch noch “funktionierte”. Da blieb mehr hängen als ich dachte. Schon in den ersten Tagen stellte ich fest: Kanadier haben wenig mit den unverbindlichen Amerikanern gemeinsam. Die Kandier sind einfach extrem offen und das, was sie sagen, das zählt. Ich wohnte in einer Art WG am Rande von Montreal, zusammen mit drei weiteren Praktikanten aus Europa und einem “echten” Kanadier, der uns die Stadt auf eine spezielle Weise nache brachte. Das ist der riesen Vorteil bei so einem Praktikum, du lernst die Seele einer Stadt kennen. Montreal zumindest hat eine, denn hinter den großen Hochhäusern, die man zunächst erstmal gar nicht mit Kanada verbindet, weil man an Bären, Wald und Ahornsirup denkt, verbirgt sich ein weltoffenes Volk, bei dem man sich aufgenommen und Zuhause fühlt, sowohl bei der Arbeit als auch privat. Innerhalb von wenigen Wochen verbesserte sich mein Französisch derart, dass mir die deutschen Wörter nicht einfielen, wenn ich meine Familie am Hörer hatte. Nach sechs Monaten fiel mir der Abschied am schwersten. Ich hatte nicht nur neue Freunde dazugewonnen, auch meine Arbeit machte mir Spaß und mir graute es davor, wieder in den tristen Studienalltag zurückzukehren. Doch ich tat es und kann zurückblickend sagen, dass es sich gelohnt hat. Warum? Weil ich nach meinem Studium nach Montreal ausgewandert bin und heute dort arbeite. Montreal hat mir viele Türen geöffnet und ich bin froh, dass ich durch sie durch gelaufen bin.